Aufsatz Haibun Diskussion Börner / Franke

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In ihrem Leserbrief - Septemberheft 2010 - hat Ruth Franke das Wesen eines Haibun in einem Satz zusammengefasst:

(…) Die Sprache sollte prägnant sein und Wesentliches zwischen den Zeilen stehen.

- zu Beginn soll der Leser gefesselt und angeregt werden, weiter zu lesen.

- am Ende ist Offenheit gefragt, das abschließende Haiku sollte weiterführen und nicht den Text zusammenfassen (…)

In der Frage, dass beide Partner (Prosa und Haiku) ihre Unabhängigkeit und Integrität bewahren müssen, sind sich Ruth Franke und David Cobb, der im selben „Sommergras“ das Thema Haibun bespricht, einig:

 

(…) Jedes Haiku in einem Haibun sollte nachhaltig bewegend sein, mit eigenem innewohnenden Gefühl – und nicht als Kehrreim der Prosa-Erzählung fungieren.

Anders als Franke, die für mehr Mut zu mehr Haiku in der Prosa plädiert, empfindet Cobb zu viele eingebundene Haiku als Unterbrechung des Textflusses und als eine wiederholte Unterbrechung der Assoziationen. Die beiden Experten bewerten Prägnanz, Direktheit und Klarheit des Prosateiles als wesentliche Merkmale eines gelungenen Haibun. Allerdings, um Haiku und Prosa besser unterscheiden zu können, empfiehlt Cobb den Gebrauch unterschiedlicher Prosastile, dem Tempo und der Stimmung der Geschichte angepasste Erzähltechnik (lange oder kurze Sätze) und die direkte Rede. Beide unterstreichen ihre absolute Offenheit bei der Wahl der Themen und der Gleichwertigkeit von Wahrheit und Fiktion.

Ich nehme gern das Angebot an, über das Haibun zu diskutieren und stelle nochmal eine Haibun-Variante vor, ohne eine neue Genre-Bezeichnung einführen zu wollen:

Es handelt sich um eine Haibun mit einem sehr kurzen Prosateil und einem einführenden bzw. abschließenden Haiku oder Tanka.

Dieser sehr kurze Prosateil, der aus einem oder nur wenigen Sätzen besteht, kommt m.E. der ursprünglichen Idee von Tagebuchaufzeichnungen oder poetischen Skizzen sehr nahe. Kurzprosa und Haiku geben durch zwei unterschiedliche Schlaglichter einen neuen kraftvollen poetischen Impuls an den Leser. Es ist die skizzenhafte Prägnanz mit einem lyrischen Höhepunkt – entweder im Prosateil oder im Haiku - , die uns zwingt, schneller und intensiver in den (gemeinsamen) Nachhall der beiden beschriebenen Ereignisse zu denken.

 

 

arbeitslos

 

Für einen Moment bleibt sie stehen vor dem großen Haus, das die Sonne aufhält und den Sommerwind teilt.

 

Der leere Weg
Nebel schmiegt sich
in ihr Haar

GB

Erstveröffentlichung: Sommergras Dezember 2010

 

Antwort Ruth Franke

Im Dezemberheft von Sommergras har Gerd Börner eine interessante Haibun-Variante vorgestellt, deren Besonderheit ein sehr kurzer Prosateil ist, der nur aus wenigen Sätzen, manchmal nur aus einem Satz besteht. Er schreibt dazu unter anderem: Es ist die skizzenhafte Prägnanz mit einem lyrischen Höhepunkt - entweder im Prosateil oder im Haiku - ,die uns zwingt, schneller und intensiver in den (gemeinsamen) Nachhall der beiden beschriebenen Ereignisse zu denken."

Sein Beispiel:

arbeitslos

Für einen Moment bleibt sie stehen vor dem großen Haus, das die Sonne aufhält und den Sommerwind teilt.

Der leere Weg

Nebel schmiegt sich

in ihr Haar

                                  Gerd Börner

'Ich finde diese Anregung wichtig, möchte jedoch etwas hinzufügen. Börners Text ist bereits in seinem Buch offene Ferne enthalten (dort Tanbun genannt), jedoch ohne Titel. Der jetzige Titel "arbeitslos" macht den Text erst zu einem Haibun, voher waren Prosa und Haiku auf viele Situationen anwendbar. Ich möchte deshalb dafür plädieren, neben Kurzprosa und Haiku den Titel als dritte Komponente eines Haibun zu bezeichnen. Bei meinem ersten Versuch, eine solche poetische Skizze zu schreiben, habe ich dies berücksichtigt und außerdem festgestellt, dass es bei einem so kurzen Haibun mehr denn je auf jedes Wort ankommt:

Adventsbesuch

"Was gefiel dir am besten, als du bei mir warst?" fragt sie ihre Schwester im Heim. Langsam kommt die Antwort: "Die Musik."

eine Muschel

aus dem Meer des Vergessens

ihr Widerhall

                                    Ruth Franke

Wenn man den Prosateil drastisch verkürzt, kann nicht nur das Haiku, sondern auch der Titel zum Verständnis des Ganzen beitragen. "Adventsbesuch" kann andeuten, dass die bei der Schwester haften gebliebene Musik Kindheitserinnerungen weckt. Aber auch dies ist nur eine Anregung, über die sich diskutieren lässt.

Ruth Franke

 
 
 
Erstveröffentlichung: Sommergras März 2011