Aufsatz: Kettendichtung                                                                                                                                                                                                                    zurück

 

 

 

Leitfaden zur Kettendichtung

"Link and shift"
von Tadashi Shôkan Kondô und William J. Higginson
übersetzt, z.T. gekürzt und ergänzt von Gerd Börner
 

 

 
 
Renku-Symposium im Jahre 2000
 
Am 7. Oktober 2000 versammelten sich Renku-Dichter aus sieben verschiedenen Ländern darunter aus den USA, Rumänien, China, Russland, Australien, Korea und Japan an der Kokushikan University in Tokyo zu einem globalen Renku-Symposium um die Perspektiven der Renku-Dichtung für das 21.Jahrhundert zu besprechen.
Nach vier Jahren des neuen Jahrtausend ist die Hoffnung der Teilnehmer des Symposiums nach den Jahren der Kriege, der Umweltzerstörung, der Konflikte wegen kultureller, religiöser politischer und wirtschaftlicher Differenzen auf ein Jahrhundert des Friedens, des harmonischen Miteinander und einer friedvollen Koexistenz der Völker von der Wirklichkeit relativiert worden.
Die Renku-Dichtung, ein Dichtung die in Gruppen und weltweit praktiziert wird, will aber dazu beitragen, dass der Gedanke der Freundschaft und Solidarität, die Bemühungen unsere Natur und Umwelt zu schützen, immer lebendig bleiben.
 
Geschichte
 
Die Tradition der Kettendichtung begann vor mehr als tausend Jahren. Autoren trafen sich, um zur Unterhaltung und Entspannung ein Kettengedicht zu schaffen, bei dem jeder Autor einerseits versuchte den anderen zu übertreffen, aber andererseits auch wollte, dass ein gemeinsames Gedicht entsteht, indem durch die Jahreszeiten, durch die japanischen Landschaften gereist wurde und die unterschiedlichsten Schauplätze besucht wurden. Diese Art der höfischen  - anfangs seriösen - Kettendichtung wurde „renga“ oder „ushin renga“ genannt. Um das 17. Jahrhundert disqualifizierte sich die Kettendichtung durch Samurai und Kaufmannstand, die den Wohlstand und Muße hatten, sich dieser Kunst hinzugeben, zur „funny renga“ zur ‚Nonsen’-Kettendichtung.
Zu Lebzeiten Bashôs (1644 1694) und seinen Schülern wurden - basierend auf den alten Traditionen der Kettendichtung - ganz neue Prinzipien der intuitiven Verlinkung zwischen den Strophen, der Progression zu immer neuen Schauplätzen des Lebens und der Beachtung einer Übereinstimmung von Bild und Sprache eingeführt. Dies Art der Kettendichtung war so anders als die inzwischen geschmacklos gewordenen haikai , viel tiefer und ernsthafter, dass diese Form der Kettendichtung seit dieser Zeit „Renku“ (wörtlich: "verkettete Verse") genannt wird.
 
Arten der Renku-Dichtung
 
Es gibt verschiedene Längen und Formen des Renku:
 
Das Hyakuin mit 100 Strophen,
das Kasen mit 36 Strophen,
das Triparshva mit 22 Strophen,
das Nijûin mit 20 Strophen,
das Hankasen oder „Halbkasen“ mit 18 Strophen,
das Shishi mit 16 Strophen
das Jûsanbutsu mit 13 Strophen und
das Jûnicho und Shisan mit je 12 Strophen.
 
Die gebräuchlichste Form ist das Kasen mit 36 Strophen und soll hier näher erörtert werden. Die anderen Anwendungen des Renku sind Modifikationen der Kasenform, richten sich aber alle nach den gleichen Prinzipien von „link and shift“.
 
Ein Kasen wird auf einem Blatt Schreibpapier (kashi) verfasst, das - gefaltet – dem Text Platz auf vier Seiten anbietet:
Die Vorderseite der ersten Halbseite enthält sechs, die Rückseite zwölf Strophen;
auf die Vorderseite der zweiten Halbseite werden wieder zwölf und auf deren Rückseite sechs Strophen niedergeschrieben.
Aus verlegerischen Gründen wir das Kasen oft auch in sechs Strophen pro Seite/Rückseite abgebildet.
 
Gesamtstruktur eines Kasen:
 
Prinzipiell besteht die  Gesamtstruktur des Kasen aus drei Teilen:
der Einleitung, dem Prolog oder der Ouvertüre (6 Strophen)             –             (jo)
dem Hauptsatz, der Entwicklung oder Erweiterung (24 Strophen)      –             (ha)
und dem Schluss, der Folgerung oder dem Epilog (6 Strophen)          –             (kyû).
 
Japanisch wird das jo-ha-kyû oder ja-ha-kyu - Rhythmus genannt.
 
Versnamen und Themen/Position
 
Bestimmte Verse haben besondere Namen oder sind für besondere Themen reserviert. Zum Beispiel gibt es drei Vers-Positionen innerhalb des Kasen, die dem Mond und zwei, die den Blüten – traditionell den Kirschblüten – gewidmet sind. Andere Strophen beschreiben den Lauf durch die Jahreszeiten, erzählen von der Liebe oder beziehen sich auf freie Themen.
 
Die allgemeine Struktur eines Kasen-Renku-Papiers in Tabellenform (Japanische Begriffe in Klammern):
 

Teil des Kasen

Halbblatt & Seite

Vers-Nr.

(siehe 1)

Name des Verses oder der Themen-Position

Prolog,

Ouvertüre

(jo)

Erstes Halbblatt, Vorderseite

(Sho-ori no omote)

 1

Startvers (hokku)

 2

Stützvers (wakiku)

 3

„Der Dritte“ (daisan)

 4

   

 5

Mondposition (siehe 2)

 6

   

Entwicklung

(ha1)

Erstes Halbblatt, Rückseite

(Sho-ori no ura)

 1  (7)

   

 2  (8)

   

 3  (9)

2-3 Liebesverse

ungefähr hier beginnen im „Entwicklungs“-Abschnitt (siehe 4)

 4 (10)

  

 5 (11)

   

 6 (12)

   

 7 (13)

Mondposition (siehe 2)

 8 (14)

   

 9 (15)

   

10 (16)

   

11 (17)

Blütenposition (siehe 3)

12 (18)

   

Entwicklung

(ha2)

Letztes Halbblatt, Vorderseite

(nagori no omote)

 1 (19)

   

 2 (20)

   

 3 (21)

2 Liebesverse ungefähr hier im

„Entwicklungs“-Abschnitt (siehe 4)

 4 (22)

   

 5 (23)

   

 6 (24)

   

 7 (25)

   

 8 (26)

   

 9 (27)

   

10 (28)

   

11 (29)

Mondposition (siehe 2)

12 (30)

  

Epilog

(kyû)

Letztes Halbblatt, Rückseite

(nagori no ura)

 1 (31)

   

 2 (32)

 

 3 (33)

 

 4 (34)

 

 5 (35)

Blütenposition (siehe 3)

 6 (36)

ageku

optimistischer Ton

  

 
(1)
Die Strophennummerierung sollte eigentlich auf dem Papier nicht mehr erscheinen. Wenn nummeriert wird, sollten die Strophen pro Vorder- oder Rückseite bzw. innerhalb jeder extra bezeichneten Seite - wieder von vorn beginnend - nummeriert werden. In Druckausgaben finden wir aber sehr oft eine durchgehende Nummerierung von Strophe 1 bis Strophe 36.
(2)
Die Verse des Mondplatzes oder der Mond-Position (tsuki no za) erwähnen den Mond jahreszeitenabhängig. Die Versposition wird relativ flexibel gehandhabt. Der Mond erscheint oft ein oder zwei Verse eher im „Hauptteil“ - ideal sind die Vers-Nummern 13 und 29.
(3)
Der Blütenplatz oder die Blüten-Position (hana no za) in den Versnummern 17 und 35 oder in der Nähe dieser Strophen, sollte das Wort „Blüte“ (hana) enthalten – gemeint ist traditionell die Kirschblüte. In einem Kasen sollte einmal die Kirschblüte beschrieben werden, auf dem zweiten Blütenplatz kann auch von anderen Blüten erzählt werden.
(4)
Traditionell erscheint das Thema „Liebe“ (koi) in zwei oder drei aufeinanderfolgenden Versen vor und kurz nach der Mitte (12 Strophen) des „Entwicklungsabschnittes“ bzw. nach der Mitte des Hauptteiles des Kasen.
 
Die ideale Reihenfolge der Strophen bzgl. der Jahreszeiten und Themen für ein Kasen-Renku:
 

Strophen

Nr.

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Strophen-

funktion

1

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Gastgeber

2

Frühling

Sommer

Herbst

Winter

Ehrengast

3

Frühling

(Sommer)

Herbst

(Winter)

   

4

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

   

5

Herbst

Herbst

(Sommer/Winter)

Herbst

Mond

6

Herbst

Herbst

Sommer/Winter

Herbst

   

7

Herbst

Herbst

(Sommer/Winter)

Herbst

   

8

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

   

9

Liebe

Liebe

Liebe

Liebe

   

10

Liebe

Liebe

Liebe

Liebe

   

11

(Liebe)

(Liebe)

(Liebe)

(Liebe)

  

12

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

   

13

Sommer

Winter

Winter/Sommer

Sommer

Mond

14

Sommer

Winter

Winter/Sommer

Sommer

   

15

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

   

16

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

   

17

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

Blüte

18

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

  

19

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

  

20

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

21

Liebe

Liebe

Liebe

Liebe

  

22

Liebe

Liebe

Liebe

Liebe

  

23

(Winter)

(Sommer)

(Sommer/Winter)

(Winter)

  

24

Winter

Sommer

Sommer/Winter

Winter

  

25

(Winter)

(Sommer)

(Sommer/Winter)

(Winter)

  

26

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

27

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

28

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

29

Herbst

Herbst

Herbst

Herbst

Mond

30

Herbst

Herbst

Herbst

Herbst

  

31

Herbst

Herbst

Herbst

Herbst

  

32

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

33

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

Verschiedenes

  

34

(Frühling)

(Frühling)

(Frühling)

(Frühling)

  

35

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

Blüte

36

Frühling

Frühling

Frühling

Frühling

optimist. Ton

 
Die Jahreszeit in Klammern gesetzt bedeutet, dass die Jahreszeit hier optional ist, d.h. es kann auch auf „Verschiedenes“ (jahreszeitenunabhängig) ausgewichen werden.
 
 
Beim Herbst-Kasen gibt es einige Besonderheiten zu beachten:
1. Der Mondplatz ist im Gegensatz zu den andern Kasen nicht die Strophe Nr. 5,
   sondern in einer der ersten drei Strophen angesiedelt.
2. Wenn z.B. die sechste Strophe im Herbst Renku „Sommer“ ist, dann kann die siebente Strophe
    entweder „Verschiedenes“ oder „Sommer“ sein, aber niemals „Winter“.
3. Ist einmal die Entscheidung für eine Jahreszeit in der fünften oder sechsten Strophe gefallen,
    muss für die Strophen dreizehn und vierzehn die entgegengesetzte Jahreszeit gewählt werden,
    um die größt mögliche Variation zu gewährleisten.
 
Link and shift – Anschluss und Verschiedenartigkeit (von Ort, Personen und Szenerie)
 
Linkund Shift sind die beherrschenden und unverzichtbaren Prinzipien der Renga- bzw. Renku-Dichtung. Dabei kommen einerseits die unterschiedlichsten Arten der Verlinkung bzw. der Prinzipien der Strophenverbindungen in Frage und andererseits müssen die Prinzipien der Progression (das Moving Ahead, dass Vorwärtsschreitens) und das Prinzip der Diversity, der Veränderung von Themen und Eigenschaften, beachtet werden.
„Link“ (tsukeai) bezieht sich auf die Verbindung oder Beziehung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Strophen;
„shift“ (tenji) hat mit der Verschiedenartigkeit der Pflanzen- und Tierwelt, dem stetigen Voranschreiten, bei dem die unterschiedlichsten   (globalen) Schauplätzen besucht werden, mit den Jahres- bzw. Tageszeiten, mit wechelndem Wetter und mit den mannigfaltigsten Themen unseres mitmenschlichen Seins zu tun.
Eine Gruppe von Dichtern komponieren zusammen ein Renku, indem sie eine Strophe mit der folgenden „verketten“, also eine Beziehung zwischen zwei benachbarten Versen herstellen. Dabei haben sich verschiedene Methoden entwickelt, diese Beziehung zwischen den Strophen, diesen Link oder Anschluss zu realisieren. Bashô erklärte die Entwicklung der Linking-Methode, d.h. der Verkettung der Strophen an den
 
drei Linking-Kategorien:
 
- object linking (mono-zuke), (Objekt-Verkettung)
- meaning linking (imi-zuke), (Verkettung durch die Bedeutung der Wörter)
- and scent linking (nioi-zuke).(Duft-Anschluss
 
Object linking
beinhaltet eine Gedankenverbindung zwischen den Objekten/Personen, dem Ort oder der Zeit zweier aufeinander folgenden Strophen.
Zum Beispiel: Auf einen „Regenschirm“ in einer Strophe kann mit „Gummistiefel“ in der nächsten Strophe geantwortet werden. Eine Tätigkeit in einer Strophe kann weiter in der folgenden Strophe in einer anderen Zeit oder an einem neuen Ort fortgesetzt werden usw. Das kann erzählend formuliert sein, aber Objekte oder Bilder müssen in direkter Beziehung zueinander stehen.
 
Meaning linking
realisiert eine Verkettung zweier benachbarter Strophen durch die Bedeutung der Wörter, durch Anspielungen (Allusion) oder durch Zitate, geflügelte Worte, „Teekesselchen“ oder andere Wortspiele.
Zum Beispiel bedeutet Schimmel in der einen Strophe ein weißes Pferd und in der nächsten einen pilzartigen Überzug auf organischen Stoffen.
 
Scent linking
Bashô vertiefte das Verkettungs-Konzept unter dem Begriff des „scent linking“, dem Duft-Anschluss. Er und seine Nachfolger teilten das scent linking in mehrere Kategorien ein.
Wir sprechen grundsätzlich von Scent Linking, wenn es bei der Verbindung zwischen den Versen eher zu einer Übereinstimmung von Stimmungen und Gefühlen kommt, als zu einer rationalen Assoziation von Gedanken oder Ideen, die hinter den Versen stehen.Die Autoren sind bestrebt, den Duft, d.h. ein auf Eingebung oder  Ahnung basierendes Erfassen einer Stimmung oder einer Erfahrungsebene der Vorstrophe in sich aufzunehmen und daran weiterzudichten.
 
Shikô (1665-1731), ein Schüler Bashôs, stellte die „Eight Manners“ (die acht Arten oder acht Gattungen) des scent-linking zur Diskussion.
In jeder dieser Verkettungsarten muss der Leser oder der folgende Dichter den Zusammenhang zum vorhergehenden Vers herstellen, um den folgenden Vers zu komponieren oder - im Falle des Lesers - zu verstehen.
Ein anderer Bashô-Schüler, Dohô (1657-1730), benutzte die Begriffe  „reading in“ (mikomi), das „Einlesen“ und (conjecture“ (omoinashi) das „Mutmaßen“, um diesen Prozess zu beschreiben.
Die Grundidee ist es, das ganze Reich der Erfahrungen im vorhergegangenen Vers zu interpretieren, dabei kann der Leser oder der folgende Dichter die „Eight Manners“ nutzen, um den nächsten Vers zu verstehen bzw. zu schreiben und der Kette ein Glied anfügen.
 
Die acht Arten (The Eight Manners, japanisch hattai ) der „Duft“-Verbindung zwischen den Versen sind:
 
"person"  (sono hito)                                     Person
"place(sono ba)                                        Platz, Ort
"season(jisetsu)                                          Jahreszeit
"time of day(jibun)                                    Tageszeit
"climate(tensô)                                          Klima, Wetter
"timeliness"  (jigi)                                        Zeitgeist, Mode
"compassion" or "empathy"  (kansô)            Mitleid oder Einfühlungsvermögen
"nostalgic image"  (omokage)                      Heimweh, wehmütige Bilder
 
In jedem Fall vertieft man sich in die Welt der vorhergehenden  Strophe und entdeckt einige grundsätzliche Hinweise die mutmaßlich in die Welt der folgenden Strophe wachsen können. So findet zum Beispiel jemand eine Szenerie dafür geeignet, um im nächsten Vers auf eine Persönlichkeit zu schließen oder umgekehrt. Jemand, der in der vorangegangenen, eigentlich jahreszeitenlosen  Strophe ein Jahreszeitenaspekt entdeckt, verarbeitet diese Jahreszeit in der nächsten Strophe und so weiter. Aktualität und neueste Mode, Mitleid und entsprechendes Mitfühlen oder sogar eine religiöse Reaktion, sind korrespondierende Charakteristika.
 
Bashô und seine Schüler benutzten eine Zahl von Wörtern die das  „scent linking“ beschreiben:
„scent“  (nioi), Duft
"echo"  (hibiki), Echo
"transfer"  (utsuri), Übertragung
"run-on"  (hashiri), erzählerischer Anschluss
"rank"  (kurai), gesellschaftliche Stellung
"nostalgic image"  (omokage), nostalgisches Bild
"setting"  (keiki), Szenerie, Schauplatz
 
wobei z.B. „nostalgic image“ eine Art von Wortspiel ist, das sich aber auf einen klassischen Text oder auf eine literarische bzw. geschichtliche Person bezieht.
 
Shift - Prinzip des Voranschreitens und der Mannigfaltigkeit
 
Das Verlinken von einer Strophe zur nächsten ist das Herz einer jeden Renku Komposition. Um aber Eintönigkeit und Stillstand zu vermeiden, gilt es, „progression and diversity“ (das Voranschreiten und die Mannigfaltigkeit) zu beherrschen.
Das Renku lebt von den Prinzipien der Progression und der Verschiedenheit des Lebens. Es gilt, immer vorwärts zu schreiten zu neuen Themen (siehe unten) und nicht zurückzuschauen.
 
Progression - Moving Ahead
 
Die Grundidee des „Voranschreitens“ ist es, keine gleichen Erfahrungen, Gefühle oder ähnliche Themen in den wechselnden Versen zu verarbeiten. Es gilt, ein Wiederauftreten von Merkmalen bzw. Verhaltensweisen oder eine (auch örtliche) „Rückkehr“ innerhalb von drei  aufeinander folgenden Strophen zu vermeiden.
Betrachtet werden in diesem Zusammenhang also immer drei aufeinanderfolgende Strophen: Die „jüngste“ oder letzte Strophe wird „linking verse“ (tsukeku) oder Anschluss-Vers genannt. die mittlere der drei Strophen heißt „preceding verse“ (maeku), oder Mittelstrophe und die erste oder die zuerst geschriebene nennen wir „leap over verse“ (uchikoshi) Übersprung- oder Rückkehr-Strophe. Der Dichter des Anschlussverses muss unbedingt eine Rückkehr (auch uchikoshi genannt) in die Welt des Leap-Over-Verses vermeiden. Das heißt, der Autor eines jeden Anschlussverses darf Worte, Themen oder Elemente benutzen, die sich auf die Themenfelder bzw. Szenerie des vorangegangenem (Mittel-)Verses beziehen. Er muss aber vermieden werden, sich auf Themen des Leap-Over-Verses oder der Strophen davor zu beziehen.
 
 
Diversity - Die Verschiedenheit von Themen und deren Elemente
 
Innen – und Außenszenen sollten nachvollziehbar wechseln und sich in den Linking - und in den Leap-Over Versen nicht wiederholen. Dieses Prinzip gilt auch für die Themen, die Schauplätze, Stimmungen, Erfahrungen usw.
In der Zeit der klassischen Renga-Dichtung gab es lange Listen von topics and materials, sogar von besonderen Wörtern,
die erst nach einer bestimmte Anzahl von Strophen wiederholt oder die nur in einer vorgeschriebenen Häufigkeit innerhalb einer Renga-Dichtung benutzt werden durften. Aber diese Listen galten im Wesentlichen nur für die Dichtungen in der Renga-Tradition mit hundert und mehr Strophen.
Die meisten Dichtergruppen - damals wie heute - erlauben nur das einmalige Erscheinen eines topics oder materials innerhalb eines Kasen. Aber sie achten darauf, dass alle diese Themen oder wenigstens jedes Themenfeld (siehe unten) im Kasen vorkommen.
 
 
Schluss - Balance is the Key (Gleichgewicht und Harmonie beachten)
 
Bei einer Renku-Dichtung ist es entscheidend, ein Gleichgewicht von „link“ und „shift“ zu wahren.
Shift (das Prinzip des Voranschreitens und der Verschiedenheit) ist das Gerüst für die Struktur des Renku,
während link (die Arten der Verkettung) das Fleisch und Blut sind, das die Qualität des Lebens beschreiben soll.
 
Wird shift (das Prinzip des Voranschreitend und der Verschiedenheit) überbetont, laufen wir Gefahr, das eigentliche Leben und damit den Spaß an der Renku-Dichtung zu verlieren. Wird shift (das Prinzip des Voranschreitend und der Verschiedenheit) ignoriert, wird das Ergebnis monoton sein.
 
 
Anhang:
 
Checkliste von Themen bestimmter Themenkreise (nach W.J.H.)
 
 
Wetter: Regen, Schnee, Hagel, Graupel, Tau, Nebel, Dunst, Rauch, Wolken, Wind usw.
Wir richten uns natürlich nach unseren jahreszeitlichen Wetterphänomenen und ordnen die meteorologischen Ereignisse für unsere Klimazone oder die Klimazone unserer dichterischen Reisestationen konsensfähig zu.
Es wird noch unterschieden zwischen fallenden und aufsteigenden „materials“. Das heißt in einem Kasen kann Schnee fallen, Regen fallen oder Tau fallen - aber das muss in unterschiedlichen Jahreszeitenstrophen passieren und nicht die Shift-Regel verletzen: D.h. wenn in es einem leap over verse regnet darf noch nicht wieder im linking verse Schnee fallen. Dasselbe gilt für steigende „materials“ (wie Dunst, Nebel, Wolken usw.)
 
Tiere : Vogel, Säugetier (z.B. Pferd, Fohlen), Fisch, Amphibie (z.B. Frosch), Insekt (z.B. Schmetterling).
In einem Kasen dürfen mehrere Tiere „auftreten“.
Wünschenswert wäre:
ein Vierbeiner (also nicht Hund UND Katze), ein Vogel  (oder einmal Vögel), ein Insekt, eine Amphibie oder ein Kriechtier und vielleicht ein Fisch.
Diese Tiere müssen nicht in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden, sondern können auch in Gestalt von Speisen, als Haustiere, wildlebend oder ausgewildert beschrieben werden. Ein Teil der Tiere wird gesehen, die anderen Tiere werden nur gehört usw. Jedes Tier sollte in unterschiedlichen Lebensräumen angetroffen werden.
 
Erde: Berge, Ozean, See, Fluss, Wiese, Sand, Abhang, Vulkan usw.
 
Pflanzen: Baum, Getreide, Feldfrüchte, Garten, Gras, Wildblumen usw.
 
Menschen: Mindestens je ein Thema aus den drei folgenden Untergruppen sollte im Kasen erscheinen:
-          Kleidung, Haus/Wohnung, Nahrung, Getränk usw.
-          Schriftstück (Geschriebenes), Gemälde (Gemaltes), Musik, Sport,
              Studium, Unterhaltung usw.
          -          Reise, Boot oder Schiff, Zug, Auto, Fahrrad, Straße usw.
 
Feiertage: (ein Feiertag, höchstens zwei Feiertage, dann aber 12 bis 15 Verse auseinander und
mit unterschiedlichen Gefühlen und Assoziationen und in verschiedenen Jahreszeiten)
Werden nur säkulare, weltliche Feiertage angesprochen sollte eine(!) religiöse Assoziation an anderer Stelle im Renku erscheinen.
 
Zeit: Tageszeit, Nachtzeit, Mittagszeit, Vesper usw. D.h. Die Zeit der Abenddämmerung sollte nur einmal erscheinen auch nicht als „Blaue Stunde“ oder „Abendgrau“...usw.
 
Licht: Schatten, Leuchten, Schimmern, Blitzen usw.
 
Schlechte Dinge: Krankheit, Unfall, Unglück, Feuer, Vergänglichkeit ...usw.)
 
Gute Dinge: Abschluss eines Lebensabschnittes/Ausbildung, Beförderung, Neuer Job, Gesundheit...usw.)