Aufsatz: Steingartenstille                                                                                                                                                                                                                                                               zurück

 

 

 

Steingartenstille

Haiku-Dichtungen auf CD von Günther Klinge
in Vertonungen von W.Hiller, M. Borboudakis, A. Uhle und M. Zahnhausen

 

 
 
1986 veröffentlichte Günther Klinge die Haiku-Fibel von Teiko Inahata. Horst Hammitzsch, der das Buch „Erste Haiku-Schritte - eine Fibel" übersetzt hat, zitiert die Autorin:

„... dass der große Weg des traditionellen Haiku darin liegt, in objektiver Beschreibung die Welt von Blumen, Vögeln, Wind und Mond zum Tönen zu bringen...".
 
Günther Klinge, selbst ein namhafter Haijin und einer der bedeutendsten Förderer der Haiku-Dichtung im europäischen Kulturkreis, hat - nomen est omen - genau das jetzt gemacht - er hat seine Haiku zum Klingen gebracht.
Schon vor zwanzig Jahren praktizierte und experimentierte der Träger des japanischen Ordens „Aufgehende Sonne" damit, was heute Gegenstand der Haiku-Debatte ist: Er verwendete neue Schlüsselwörter, neue Schlüsselwort-Themen, und er beging sogar das Sakrileg des kigolosen Haiku. Vielleicht wusste er schon damals, dass es in naher Zukunft die moderne Haiku-Dichtung und ein Haiku als eine Kunstform geben wird, die inzwischen im interkulturellen Austausch zum literarischen Kleinod aller Menschen dieser Erde geworden ist.
Die Textvorlagen für die Vertonungen auf der CD „Steingartenstille" atmen allerdings noch den Geist des traditionellen Haiku. Die drei „Servietten-Haiku" heißen so, weil sich der schwäbische Komponist Wilfried Hiller die Texte auf einer Serviette notiert hatte. Das hat natürlich einen gewissen Unterhaltungswert, aber nichts mit den herbstlichen, die Vergänglichkeit des Seins beschreibenden Texten Klinges zu tun, die eher den Verlust eines geliebten Menschen beklagen.
Regeltechnisch fällt auf, dass Günther Klinge hier in den ersten beiden Haiku reflektierend die Vergangenheitsform benutzt, um in der letzten Strophe die Hoffnung auf die Zukunft in der Gegenwartsform auszudrücken.
 
 
Ein gelbes Blatt fiel
still in den nebligen Wald,
Erinnerungen.

 

Herbsttage rollten
wie Perlen einer Kette,
deren Band zerriss.

 

Stille Bereiche
der Phantasie erglühen
im Herbstmondwechsel.

 

Das zentrale Stück und Titelwerk der CD ist Minas Borboudakis, „Steingartenstille". In 12 Haiku für Sopran, Flöte und Schlagzeug (1995) lässt uns der griechische Komponist einen musikalischen Jahresablauf erleben. Klinges Jahreszeiten-Haiku berichten nicht nur über ein saisonales Naturereignis, sondern erzählen von Freud und Leid, von den Höhen und Tiefen einer Partnerschaft.
Acht Haiku von Günther Klinge waren Anregung für die Komposition von Antje Uhle in „Der Geist der Stille" für Altstimme, Violine, Violoncello und Klavier. Hier lernen wir auch Texte kennen, die die Traditionalisten nicht sofort als Haiku bezeichnen würden. Einerseits stellen sie eher den Charakter einer moralisierenden Spruchdichtung dar („Nur in der Stille wächst unser eigenes Ich..."), andererseits würden wir sie heute als kigoloses Haiku bezeichnen, die allerdings das lyrische Ich etwas überstrapazieren.
 
Es rinnen Tage
wie Sand durch meine Hände.
Still höre ich zu.
 
Der letzte Beitrag auf dieser CD ist vom Saarländer Markus Zahnhausen und entstand 1998. Er nannte es „Klingende Zeit", sieben Szenen für Bariton, Blockflöte, Violoncello und Klavier. Auch diese Texte durchlaufen ein Jahr bzw. ein Leben. Das Schlüsselthema ist nicht immer erkennbar. Das Gefühl, das uns verbindet, will nicht aufkommen, sondern das Haiku mutet eher etwas eitel an.
 
Wer an mich glaubt:
für ihn hab’ ich geschrieben.
Wintererkenntnis.
 
Jeder Hörer dieser CD muss sich die Frage stellen, sind Haiku überhaupt vertonbar? Im Sinne einer immer stärker steigenden Popularität der Kurzlyrik und der Tatsache, dass ein neues Kunstwerk entstanden ist, muss die Frage mit einem unbedingtem Ja beantwortet werden. Die musikalische Interpretation lässt allerdings noch einige Fragen offen.
Abgesehen davon, dass M. Borboudakis und A. Uhle Kompositionsschüler von W. Hiller sind, ähneln sich die Kompositionen in ihrer grundsätzlich zyklischen Struktur. Im Gegensatz zur Vertonung eines Librettos, dessen Inhalt im Wesentlichen bekannt ist, trägt eine Sopranstimme in den Stücken „Servietten-Haiku" von W. Hiller und „Steingartenstille" von M. Borboudakis einen Haiku-Text vor, der wenigstens phonetisch verstanden werden sollte. Das Haiku lebt nun einmal sehr stark vom Klang und Rhythmus dreier Zeilen, die in brillanter Knappheit ein mehrfach deutbares (Natur-) Ereignis schildern. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass jeder Zuhörer den Text verfolgen kann, ist doch hier das Haiku seines herausragenden Merkmales beraubt. Das gemeinsame Gefühl einer Assoziationsspielrunde während einer Renga-Sitzung, aus der das Haiku entstanden ist, sollte auch beim musikalischen Vortrag nicht verloren gehen.
Eine atonale Interpretation würde schlecht zu einem Naturereignis passen, einen tonalen Klangteppich fürchten junge Komponisten, wie die Modernisten der Kurzlyrik das ausschließliche Blüteln im Frühlings-Haiku. Also haben sich die Komponisten dafür entschieden, freitonale Klangbilder mit tonalen Assoziationsketten zu schmücken.
Der Hörer, der sich auf dieses Experiment einlässt, kennt nur die stille Erfahrung des Lesens bzw. den schlichten gesprochenen Vortrag und könnte eher voreingenommen sein. Hört man in den Gesang der vertonten Texte, so kommt die syllabische Vortragsweise der Sopranisten dem Rhythmusverständnis eines Haiku auf alle Fälle sehr nahe. Allerdings muss der Hörer in den extremen Höhen Abstriche am lautlichen Verständnis und durch zu lange Textpausen am inhaltlichen Zusammenhang machen. Die eigene Reaktion auf einen Text, die wir sonst spontan beim Lesen empfinden, geht in dem musikalisch gedehntem Vortrag verloren bzw. wird durch die Interpretation des Komponisten auf neue Wege geführt. Es fällt dem Hörer schwer, bei der Assoziation zu verweilen, die der Text in ihm ausgelöst hat. Einerseits kann der Hörer sich von musikalischen Ideenreichtum der Komposition in „Der Geist der Stille" von A. Uhle faszinieren lassen, andererseits wird auch hier der Zugang zu einer anderen Sinnebene nicht zugelassen, weil die Stille, in die das Lächeln passt, ängstlich ausgefüllt wird mit Summen einer r Melodiewiederholung auf La la. Ein gesprochener Text bzw. ein a capella Vortrag würde vielleicht eine eigene Assoziation zulassen.
Der Bariton in Zahnhausens „Klingende Zeit" erschwert das Verständnis durch unnötige Verzierungen in seiner Vortragskunst, die einerseits überdeutliche Grüße von Dietrich Fischer-Dieskau übermittelt, andererseits den Singsang eines Muezzin ahnen lässt. Ein und die selbe Silbe wird hier in unterschiedlichsten Höhen und Tiefen gesungen („Wer an mich glaubt..."). Generell ist auch nichts gegen Wort- oder Wiederholungen ganzer Zeilen einzuwenden, aber die überlaute Dramatik („herbstliches Leuchten", „wollt ihr mich töten") klingt etwas irritierend. Die vertraute Sprechmelodie des Haiku wird konterkariert. Wenn wir der Stimme lauschen, ist die erste Zeile des Haiku längst vergessen und jegliche Assoziation zugetont. Es fällt mir schwer zu erkennen, dass hier gleichberechtigte Klangelemente so zusammenwirken, dass sie dem Gehalt eines Haiku als Ganzes nahekommen.
So schwierig das Vertonen unserer Kurzlyrik auch sein mag - die vorliegende CD ist ein äußerst wichtiger Beitrag, die Haiku-Dichtung in unserem Kulturkreis zu etablieren. Bleibt nur zu hoffen, dass noch viele Komponisten diesem Beispiel folgen, um auf ihre Art die noch nicht vertonten Haiku ...die Welt von Blumen, Vögeln, Wind und Mond - oder einer Welt mit anderen Inhalten - zum Tönen zu bringen..."
GB
 
     
     
 

Erstveröffentlichung: Vierteljahresschrift der DHG Juli 2000