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Haiku - das kürzeste Gedicht der Weltliteratur

Das Haiku ist wohl die bekannteste Gedichtform der Kurzlyrik, die in Japan ihre Wurzel aber inzwischen in nahezu allen nichtjapanischen Literaturen Nachbildungen hervorgebracht hat. Das Haiku unterscheidet sich zwar von westlicher Lyrik durch seine skizzenhafte Kürze und Prägnanz, ist aber längst als poetische Strömung in ihr integriert. Zeitgenössische Haiku-Autoren beschreiben neben der Beobachtung eines Naturereignisses und den Bezug zu den Jahreszeiten und damit zu den vier Abschnittes des Lebens, auch das menschliche Miteinander in der Gesamtheit unseres Seins und unserer natürlichen Umgebung. Sie verwenden Schlüsselwörter und Schlüsselthemen aus ihrem kulturellen Lebensumfeld. Die "klassische Struktur 5/7/5 ist in nichtjapanischen Sprachen möglich aber nicht zwingend, weil alle nichtjapanischsprachigen Sprachen keine Moren oder sound units, sondern Silben haben. Deshalb wird weltweit neben der "klassischen" Form auch im freien Stil (siehe auch Dietrich Krusche) geschrieben. Der Text ist soweit reduziert, dass es keine überflüssigen Worte oder Füllworte mehr gibt. Vermieden werden soll auch jede Form von Belehrung, Vorinterpretation oder erklärender Wendung. Der Leser soll den Freiraum haben, in die Assoziationswelt des Autors zu treten, um dann schlaglichtartig das zu entdecken, was im Text eben nicht ausgesprochen wurde. Ein japanischer Dichter hat das Haiku treffend mit einem Halbkreis verglichen, der erst durch die aktive Mitarbeit des Lesers je nach Lebenserfahrung, emotionaler Verfasstheit oder Sozialisierung in einer ganz eigenen Assoziationswelt zum Kreis geschlossen und damit vollendet werden kann. Die Texte sind grundsätzlich reimlos, zwei bis vierzeilig und im freien oder traditionellen Stil geschrieben.