© Gerd Börner                                                                                                                                                                                                                                                                                      home

 

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Im Gewinde der Lust

 
     

 

Sommerregen rauscht durch die Straße. Leise öffne ich die Fenster. Die Blätter der Platanen verstärken das Brausen und auch das Zimmer klingt anders. Unter meinem Baum, in Höhe der Haustür, warten sie den Schauer ab – vom Schirm tropft es in kleine Hände. Sie suchen in den Wolken, schauen hinter die Wolken und da fällt auch schon die Sonne in den Regen  - wie seine Schatten flattern. Es sind die letzten Stiche: Himmel und Erde nähen am Saum des Tages – ich gehe offline.

Die Spatzen, die hier wohnen, verkünden das Ende des Regens, letzte dicke Blasen treiben über Pfützen und die nassen Zweige hängen tief. Der Schirm mit den kleinen Händen schaukelt die Straße entlang.

Zerstreutes Licht, Sonnensplitter im Granit auf dem Bürgersteig, der zu schmal ist für die Drei. Unsere Nachbarn aus Kent huschen vorbei. Der Mann hält noch immer die dünne Zeitung über den Kopf, seine Frau duckt sich unter den Flügelschlägen der Tauben und hat schon die Schlüssel in der Hand. Sogar das Lachen der Kinder klingt irgendwie englisch.

Ich schau in den ersten Stock schräg gegenüber und sofort fällt wieder die Gardine zurück. Die Luft vom Himmel hat sich gedreht und über dem Haus krächzen die Krähen, das Gurren der Tauben verstummt.

Ein schmaler Streifen der Straße liegt noch in der Sonne. Auf dem Grat der rostigen Zaunfelder balancieren zwei Eichhörnchen, springen durch den stumpfen Flieder auf den Baum und jagen sich im Gewinde ihrer Lust. Die Platanen gebärden Beifall. Ein Bettler kreist wieder und wieder um die Harley. Jetzt verschwindet sein Schatten auf meiner Straßenseite. Ich nicke ihm zu, hatte ich doch heute früh auf dem Markt für einen Fünfziger sein Lächeln gekauft. Er zögert kurz, lauscht den Sirenen des Martinhorns und klatscht dazu mit übergroßen Handschuhen in die Hände.

Räder knirschen gegen den Rinnstein - eine Ente parkt ein. Zur Unzeit löst sich ein Blatt von der Platane, segelt unsicher durch meine Gedanken und landet auf dem dampfenden Pflaster.

Eine junge Mutter kippt den Buggy hoch und pustet dem Kind ein Lachen ins Gesicht. Der Mann mit dem weißen Stock bleibt stehen und findet das Lachen.

Unter meinem Fenster steigt ein Flüstern empor. Ich werfe ein paar Bonbons hinaus, höre sie kichern, ihr Flitzen und den fernen Zug. Quietschen und Hupen – ein kleiner Mensch schiebt ein großes Fahrrad über die Straße und in einer Hausecke verbeult der Wind ein Spinnennetz.

Die Haustür geht und der alte Lehmann tritt hinaus, er grüßt das Mädchen mit dem Haartuch und lüftet seinen Hut.

Mein Baum gibt Blatt für Blatt die Sonne an den Tag zurück. Wolkenziehengucken bis die Abendstille kommt von irgendwo. Ich mache das Fenster zu. Der Tee ist kalt geworden, duftet aber noch nach Ingwer. Nebenan wird Tapete abgerissen – ich gehe wieder online.