offene Ferne, Kurzlyrik und Kurzprosa, IDEEDITION Berlin, 2008, ISBN 9783981209501

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Klappentext 

 

Leseprobe hier

 
Der Lyrikband „offene Ferne“ versteht sich als zeitgenössischer Beitrag zur deutschsprachigen Kurzlyrik und Kurzprosa. Obwohl die Mehrheit der Texte die Wurzeln der Haiku-Lyrik und Haiku-Prosa nicht leugnen will, emanzipiert sich der Autor bewusst vom Regelwerk der japanischen Genres und packt, nur dem eigenen Sprachstil und Sprachrhythmus folgend, neue Themen und Formen an. Die Texte beschreiben naturnahe, gesellschaftliche sowie geschichtliche Ereignisse und geben dem Leser die Gelegenheit aus seinen eigenen Erfahrungen, die Bilder auf einer neuen Ebene zu vollenden.

 

 

Rezension von Werner Reichhold

im Sommergras Sept. 2008

   
 

Es wetterleuchtet ein zweites Mal. Dieses Jahr werden Leser daran erinnert, was Gerd Börner 2005 mit seinem Buch »Hinterhofhitze« in Erinnerung brachte, nämlich, dass an unseren Horizonten Unruhe der Normalzustand ist. Heute blicken wir in eine »offene Ferne« – so der einladende Titel seines zauberhaft gestalteten Buches – und das heißt für den Leser nicht weniger, als eine von Gerd Börner installierte Aufgabenstellung zu bewältigen. Es geht um Orientierung und um die Wahrnehmung, in welchen Formen Poesie sich uns heute anbietet, und ob im Medium der Sprache ein Autor Energien so organisiert, dass wir sie für die eigene Produktion zu werten wünschen. Wir umkreisen dieses Buch sozusagen in einer Warteschleife. Der Text ist schon anwesend, aber noch nicht beim Einzelnen gelandet. Dazu braucht es den Käufer eines Buches, den Menschen, der seine eigene Entwicklung mit dem Geist anderer verbunden sieht. Man kann Mobilität, die anhaltende Bewegung im geistigen Bereich, nicht frech ignorieren, ohne dass man als Stehengebliebener alt aussieht. Richtig, die Leser genießen in »offene Ferne« das Privileg, ganz nahe an Börner herantreten zu dürfen, um dann zu fragen: Was ist das hier, was steht hier geschrieben, was gibt uns innerhalb der Gesamtnatur Anlass anzunehmen, dass seine Poesie als eine »Wandlerkapazität« vorgeschaltet gesehen werden darf, die so funktioniert, dass sich die Leser mal mit sich selber ins Vertrauen gezogen erleben, mal irritiert und aufgewühlt werden, um dann wieder in Harmonie zu Stille und Einvernehmen zurückzukehren. Als uns aus Japan der Trick mit der Verwendung eines Jahreszeitenwortes im Gedicht angeboten wurde, wollte man am liebsten gleich selber wieder Bauer werden, um die Vorgaben der ehemals gehandelten Kalenderpoesie wirtschaftlich umzumünzen. Die Entwicklung der westlichen Kulturen war aber seit Jahrhunderten nicht linear verlaufen, nicht insular geprägt, sondern lebte von sprunghaften Entwicklungen, vertikalen Bruchstellen bei beständigem Austausch zwischen Gemeinschaften, Staaten und Ethnien. Ausnahmslos alle Künste sangen dazu ihr eigenes Lied der Freude, ihr eigenes Lied vom Tod.

Diese kreative Leistung war nicht nur, aber wesentlich an einzeln auftretende Persönlichkeiten gebunden. Dieser Personenkreis repräsentierte und ölt bis heute die Poesie-Maschine. Sie, die Maschine, raucht und faucht, sie quietscht und zischt. Dahinter manifestiert sich das Wort »Dichter« wie aus sich selbst heraus. Dichter/Dichterin ist das Schlüsselwort, und nicht etwa Hagel, Kaulquappe oder Krokus. Er oder sie, Menschen, die heute schreiben, repräsentieren den Zustand der gegenwärtig erkundbaren Natur ohne jedwede Beschränkung. Das Sichtbare wie das Unsichtbare geben sich darin ein Stelldichein. Was uns als Poesie anspricht, vollzog und vollzieht sich aus unzählbaren hintergründigen Geschehnissen. Einer, der darüber lange nachgedacht hat, um es dann sehr ernst einer ihm gemäßen Sprachform mitzugeben, das ist Gerd Börner. Bei ihm, in seinem Buch »offene Ferne«, kann man in den Faltungen der Naturphänomene nachschlagen, mit eigener Phantasie auf neue poetische Abenteuer zusteuern, gelegentlich einkehren und am Tisch mit Ähnlichgesinnten herauslauschen, wer wir sein möchten, wenn wir nur könnten. Ein Vergnügen. Man darf ausgefeilte Dreizeilenschritte mitvollziehen oder in Fünfzeilern, sehr schlau miteinander verhakt, an der Musik zum Tanz teilnehmen. Wer gerne in Begleitung reist, nicht die Nacht allein verbringen möchte, der findet bei Börner Prosa in Verbindung mit Vers so aufeinander abgestimmt und eingängig formuliert, als habe den Autor die Erfahrung mit Sprache gelehrt, wie Leser sich auf eine ihnen eigene Weise daran freuen können.

der leere Weg

Nebel schmiegt sich

in ihr Haar

 

im freien Feld

ein Zementsack

versteinert

 

Neujahr

kinntief versunken

in meinem schmutzigen Schal

                       

höhlenschwarz

lauschen 

auf den nächsten Tropfen

 

 

 

 

 

auf dem Weg

vom Grab

nur die Schritte im Kies

 

Diese ganz wenigen Verse sind nicht eigentlich eine Auswahl, sondern durch Gerd Börners ganzes Buch hindurch herrscht diese besondere Qualität der Sprache, besteht dieser Anspruch, den wir an Poesie der Gegenwart stellen.

 

Ein sehr empfehlenswertes Vorwort zu »offene Ferne« schrieb Lydia Brüll.