Rezension: Schwerelos gleiten. Slipping through water von Ruth Franke                                                                                                                                                                                                            zurück

 

 

Ruth Franke. Schwerelos gleiten. Slipping through water

118 Seiten, Wiesenburg Verlag, 2010. ISBN 978-3-942063-40-1, Preis 17,50 €

 

 

 

 
 

Das neue Buch von Ruth Franke ist ein literarisches Ereignis. Die bekannte Haibun-Autorin gleitet in ihrer Kurzprosa literarisch durch die vier Abschnitte ihres Lebens (Die alten Pfade, Lange Schatten, Meer und Träume, Herbststürme) und verbindet diese Wegstrecken mit ihren bildhaften und einfühlsamen Haiku.

 

Programmatisch weist ein Zitat von William Blake, das sie ihren Texten vorangestellt hat, auf die Pforten der Wahrnehmung und auf die Orte, an denen uns Haiku begegnet - zwischen den Farbkübeln, im leichten Regen oder in Urgroßvaters Uhr. Man könnte meinen, dass William Blake in dem ganzen Buch mit seinem Glauben in die Kraft der Phantasie und in die Überlegenheit von Gefühlen präsent ist.

 

So wie in Frankes Haibun, Haikai-Prosa und Haikai-Poesie korrespondieren, aber sich nicht gegenseitig interpretieren, sondern sich zum Vergnügen des Lesers auf einer neuen Ebene treffen, so sensibel hat die Autorin auch die Bilder des Kreuzberger Malers , Reinhard Stangl, in das Buch als visuelle Parallelwelt integriert (Werner Reichhold). So interpretiert auch das Umschlagbild von Stangl auf wunderbare Weise den Titel des Buches „Schwerlos gleiten/Slipping Through Water“. Trotz der Vielfalt der Themen ist das Element Wasser und die Liebe der Autorin zum Meer zentrales Motiv ihrer Kurzprosa. Besonders deutlich wird das auch in den Werken von Stangl, mit denen Ruth Franke jedes der vier Buchkapitel eröffnet.

In der Titelgeschichte träumen wir mit der Autorin aus dem Hallenbad zurück in das kleine Harzdorf, an den Glaswaldsee der Jugend. Sie hat den See ganz für sich allein, sie lässt sich treiben und genießt das freie Schwimmen unter dem Himmel und den Tannenwipfeln. Die  Sehnsucht bleibt, immer so „leicht“ - wie ein Fisch - schwimmen zu können, auch wenn die „Wassergeister“ am Beckenrand sie für heute aus ihren Träumen reißen.

 

schwerelos gleiten

neugeboren

als Fisch

 

slipping through water

in my new life

turned into a fish

 

In dem Vorwort zu diesem Buch schreibt Jim Kacian:

 

 Ruth Franke ruft die Ereignisse ihres Lebens ins Gedächtnis zurück und sieht sie vor dem Hintergrund, was sie geprägt hat (...)Die sich daraus entwickelnden Personen der Handlung hinterlassen eine tiefere Spur als bloße Erinnerungen, sie spielen sich wirklich ab gegenüber dem Mythos einer Zeit und Kultur, der immer noch geschrieben wird.“

 

Nehmen wir uns die Zeit, mit Ruth Franke die Schauplätze ihres Lebens zu durchstreifen und fühlen uns in die ganz besondere Atmosphäre ihrer Geschichten ein:

Wir fliegen mit dem kleinen Nils Holgersson und den Wildgänsen auf „ ihre Insel“ mit den reetgedeckten weißen Häusern, dem graublauen Meer und dem weißen Strand am Watt, erleben mit ihr die Wehmut, weil in den „Hohlen Weiden“ am Stadtrand von Braunschweig die Märchen und Mythen nicht mehr gegenwärtig sind. Wir schmunzeln über das rege Liebespaar im Boot an einem heißen Tag auf dem Bodensee oder wir besuchen Ruth an ihrem Sitio, ihrem Lieblingsplatz an dem sie eins wird mit der Natur.

Die Sprache der Autorin ist weder manieriert noch konstruiert, sondern erfreut durch ihren unkomplizierten aber prägnanten Duktus. Frankes Texte leben vom Rhythmus der Sätze. Die wohl durchdachten Wortstellungen und Folgen von kurzen und sehr kurzen Sätzen mit den eingebetteten Haiku ergeben eine exzellente Komposition von Klang und Bildern. Besonders die Haiku, die das Haibun abschließen, bestechen dadurch, dass sie überraschende Deutungen der Geschichten zu lassen oder mit ihrer kraftvollen Bildhaftigkeit und Gegensätzen neue Dimensionen erschließen.

 

Bei der Lektüre ihrer Haibun wird deutlich, wie gekonnt Ruth Franke wesentliche Stilmittel der Haibun-Literatur einsetzt. Ihre eingeflochtenen Liedtexte, Interjektionen, indirekte oder direkte Rede, Zitate, Redewendungen und Anspielungen auf Geschichte und Literatur intensivieren die Texte auf die gelungenste Weise. Mit Viola Tricolor spannt Ruth Franke einen genialen  Bogen über wilde Stiefmütterchen zu „Les pensées“, den Gedanken von Blaise Pascal und den ersten Schwalben. Ihr „Gras“-Haibun erinnert an Bashos Sommergras, das längst über Kriege und Massensterben gewachsen ist, diese Zeiten aber nicht vergessen lässt – auch wenn inzwischen das weiche Gras für sehr friedliche Zwecke genutzt wird. Die erschütternde Leichtigkeit des Textes in „Maikäfer flieg!“ geht unter die Haut…

 

Was für ein seltsames Hobby hat der benachbarte Studienrat? Warum kauft jemand zehn Tafeln Schokolade? Sind die Galoschen des Glücks ein Andersen-Märchen, ein Traum oder wirklich erlebte tropische Weihnachten, wenn so leise der Schnee rieselt? Was hat es mit dem Kuschelroboter auf sich? Habe ich Sie neugierig gemacht…?

 

Ein großes Vergnügen ist die Zweisprachigkeit dieses Buches. Frankes Texte sind von zwei native speakers, dem britischen Haiku-Dichter, David Cobb, und der britischen Malerin, Celia Brown, adäquat in die englische Sprache übertragen worden. Das Nebeneinander der beiden Sprachen verstärkt die Wirkung der Texte und bietet vereinzelt sogar neue Nuancen für den Nachhall.

 

Frankes Reverenz an Shikis zwiefachen Herbst führt direkt zu ihrem persönlichen Credo:

 

Blätter schweben

im Abendlicht

wie schwer

so leicht zu sein

 

autumn leaves

floating in a soft breeze

how hard

to be so light

 

Leider ist hier nicht der Platz, ein Haibun vorzustellen. Lassen sie mich deshalb das Review mit dem berührenden final haiku des Buches abschließen:

 

Osterfeuer

in der dunkelsten Stunde

Vogelgesang

 

Easter bonfire

at the darkest hour

the song of birds

 

 

Ich empfehle Ihnen dieses schön gebundene Buch, das graphisch professionell gestaltet ist und durch zurückhaltende Typografie und höchste Bild- und Druckqualität auffällt. Das Buch von Ruth Franke hat die Kraft und Qualität, die Energien und Phantasien des Lesers freizusetzen und der literarischen Welt ein noch junges Genre der Kurzprosa vorzustellen.

 

 
 

Erstveröffentlichung: Sommergras September 2010