Kurz-Rezension zum zweizeiligen Haiku von Andreas Marqurdt

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Das Lächeln im Korb
des Korbmachers

                                                                                 Andreas Marquardt

 

 

 

Ist dieser Text ein zweizeilig-lyrischer Aphorismus, ein Gedankensplitter? Oder handelt es ich hier vielleicht um ein Epigramm?

Andreas Marquardt ist mit seinem Text ein wunderbares zweizeiliges Haiku gelungen. Der Autor lässt den Leser teilhaben an dem Lächeln des Korbmachers, das dieser während seiner Arbeit in den Korb mit eingeflochten hat. Dabei ist es völlig unerheblich, ob wir Zeuge von genau diesem Augenblick werden, indem kunstfertig Hände die Weidenzweige biegen und das in sich versunkene Lächeln mit in den Korb einbinden oder ob es der fertige Korb ist, den der Autor gerade benutzt und der ihn an das Lächeln des Korbmachers erinnert.

Der Autor komponiert hier eine sonst eher störende Wortwiederholung bewusst in das Haiku. Der Korb am Schluss der ersten Zeile bildet die Staupause, die gekonnt zu der überraschenden Wendung führt und nicht auf den Einkaufskorb oder den Korb für ein Picknick, sondern auf den lächelnden Korbmacher selbst verweist. Marquardt gelingt es, mit diesem Lächeln die subjektive und objektive Ebene des Geschehens zu verflechten und macht dadurch die Augenblickserfahrung ganz besonders erlebbar.

Wieder einmal wird deutlich, dass äußere Form und Lauteinheiten, die ihre Wurzeln in der japanischen Sprache haben, im deutschen Sprachraum nicht übernommen werden müssen, um das Erlebnis Haiku passieren zu lassen bzw. den kürzesten Weg zwischen Autor und Leser zu finden.

Unausgesprochen bleibt, ob das Lächeln des Korbmachers ein resignierendes Lächeln ist, das aus Verzweifelung über eine aussichtslose Lebenssituation dem Touristen zugeworfen wurde oder ob es das Lächeln eines Korbmachers ist, der um seine Geschicklichkeit weiß und stolz auf sein eher selten gewordenes Handwerk ist. Weder noch! Für einen Aphorismus fehlt ein erkennbarer Konsens, auf den sich die geistreiche Äußerung berufen könnte, wie zum Beispiel bei dem bekannten chinesischen Aphorismus: „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln." Und die Essentialen für ein epigrammatisches Textkunststück werden nur hinsichtlich seiner deutlichen Zweigliedrigkeit und überraschenden Wendung erfüllt. Doch ein erklärender Sinnspruch ist es nicht. Hier wird nichts gedeutet oder vorinterpretiert.

GB

 
 
Erstveröffentlichung: Haiku heute, Januar 2006