Rezension zu "Taubenschlag" von Udo Wenzel

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Udo Wenzel: Taubenschlag. Kurzlyrik und Kurzprosa.

110 Seiten, Hardcover, Wiesenburg Verlag, 2010. ISBN 978-3-942063-35-7

 

 

 

 

Die Leser des „Sommergras, die Besucher des Portals „Haiku heute“ und des „Haikustegs“ haben Udo Wenzel als Autor zahlreicher Essays und Interviews zur Theorie und Geschichte des Haiku schätzen gelernt. Jetzt endlich veröffentlicht er sein erstes Buch mit eigener Kurzlyrik und Kurzprosa.

Seinen Debütband hat er in vier große Abschnitte unterteilt: Haiku, Tanka, Sequenzen und Prosaskizzen. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeiten galt und gilt dem Gendai-Haiku, dem modernen Haiku, das sich in Japan, aber längst auch weltweit, vom „traditionellen“ Haiku emanzipiert hat. In seinem Haiku-Kapitel führt uns Wenzel mit seiner Kurzlyrik zwar noch durch die Jahreszeiten – seine Texte aber atmen The Spirit of Freedom1 des zeitgenössischen Gendai-Haiku, das einerseits ohne Jahreszeitenbezug auskommen kann und konsequenterweise auch immmer wieder auf die traditionelle Morenstruktur des japanischen Haiku verzichtet. In seinem Interview mit dem US-amerikanische Wissenschaftler Dr. Richard Gilbert2 und in seinem eigenen Essay “Das Gendai-Haiku - ein Einblick in das zeitgenössische japanische Haiku"3 wird über die Hintergründe und Entwicklung des Gendai-Haiku berichtet. Beide beschwören die „Freiheit des Ausdrucks“, in der die traditionelle Ästhetik mit der zeitgenössischen Sprache und den Themen unseres kulturellen und politischen Lebens versöhnt werden kann.

Udo Wenzel ist ein scharfer Beobachter und ein Autor mit wachem Auge, der uns in seinen Texten auch die kleinsten Ereignisse und Augenblicksbeobachtungen - wo und wann auch immer  - imaginieren lässt  und dem Leser das Vergnügen anbietet,

in einem gemeinsamen Assoziationsgefühl den Text transzendieren zu lassen und die gegenständliche Beobachtung auf einer neuen Ebene zu erfahren. Dieser Nachhallkick hängt im hohen Maße von den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen der Leser ab.

 

Vom Schneegestöber

geblieben unter dem Baum

die Kirschblüten

 

Heftiger Streit –

ihre Schatten fallen

ineinander

 

Einmal noch …

der Wettlauf der Wellen

an den Strand

 

Keinen Ort

erreiche ich an diesem

heiteren Tag

 

 

Besser als es die Autorin des Nachwortes, Annika Reich5, sagt, kann ich es nicht formulieren:

 

„Udo Wenzels Haiku können das gut: Die Dinge offen lassen, Türen in die Vorstellungswelten ihrer Leser öffnen und sich dann diskret zurückziehen; den Blick, die Wahrnehmung aufrauen und nicht erklären, was durch die Reibung entstanden ist.“

 

Natürlich gibt es auch ein Wiedersehen mit vertrauten Texten – inzwischen Klassiker der deutschsprachigen Haiku-Literatur

 

Letztes Kalenderblatt

dahinter

ein grauer Karton

Hiroshima-Tag –

der Klang der Glocke

über der Stadt

In seinem Gespräch mit Gary Snyder4 im Jahre 2007 spricht dieser aus, was auch Wenzels Texte ausmachen: „(…) intensiv »Neues vom Tage, Neues vom Augenblick« aufzeichnen – ohne Ego, das ist elementar.“

Konsequenterweise besteht der Autor nicht auf der manifestierten Genrebezeichnung von Haiku und Tanka. So können seine Tanka, die nach dem Haiku-Kapitel vorgestellt werden, auch „nur“ Fünfzeiler sein - wunderbare kleine Geschichten oder „kurze Lieder“, die durch ihre sehr moderne Ausprägung begeistern.

 

Heute Nacht

funkeln die Sterne

dicht an dicht

deine Versprechen

die ich nicht glaube

In den Morgen

vom Garten herauf

glockenhell

die Stimme meiner Tochter –

ich lege das Buch beiseite.

 

Udo Wenzel Gedichte sind klare, natürliche Texte, deren Bilder - oft gekonnt kontrastierend - nicht nur die Außenwelt beschreiben, sondern uns auch an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben lassen. Seine Texte haben Spannung und Bewegung und in ihnen schwingt Ungesagtes mit - mehrere Bedeutungsebenen ergänzen einander und die Struktur seiner Fünfzeiler glänzt in den meisten Fällen durch gelungene Türangelworte bzw. durch perfekte Drehpunktzeilen.

 

Folgerichtig schließt sich dem Tanka-Kapitel ein Abschnitt von Sequenzen an. Einerseits handelt es sich um Rengays, die einer einfachen Form der Ketten-Dichtung des US-Amerikaners Gary Gay6 nachempfunden sind, andererseits sind es haikueske Texte, die assoziativ nach den Prinzipien von link and shift miteinander verbunden sind. Ich bedaure, dass hier nicht mehr Platz ist, eines der gelungensten Reihungen „Gefährten des Mondes“ vorzustellen.

 

Den Abschluss des Buches bilden 15 Prosaskizzen unterschiedlicher Länge und  Dichte. Udo Wenzels Aufzeichnungen, Skizzen und Notizen, ähnlich der Haibun- Struktur, sind in den meisten Fällen mit ein oder mehreren Dreizeilern kombiniert. Diese bilden die Einleitung, den Abschluss oder den lyrischen Höhepunkt des Erlebten, Wahrgenommenen oder einer Fiktion. Wenzels niedergeschriebene spontane Eingebungen, Eindrücke, Erfahrungen und Überlegungen weisen eine höchst anregende und erhellende Themenvielfalt aus der Natur und dem menschlichen Sein auf. Seien Sie gespannt und freuen Sie sich auf Wenzels Prosaskizzen „Menschenflug“, „Kontinuität“, „Sonntagsruhe“ und  viele andere faszinierende Kurzprosa.

Sprachliche oder sachliche Unstimmigkeiten, doppelt beschriebene Ereignisse bzw. Beobachtungen konnte ich ebenso wenig entdecken wie irritierende Brüche im Genreduktus seiner Kurzlyrik und seiner Kurzprosa.

Taubenschlag

das Gurren

verstummt

 

Das Gegenteil ist der Fall. Früher wurden Brieftauben verwendet, um Nachrichten zu übermitteln; heute sind die Texte aus Wenzels Taubenschlag Botschafter einer neuen Kurzlyrik und Kurzprosa, die hoffentlich bald zur Avantgarde der deutschsprachigen Literaturszene gehören wird.

 

GB

The Spirit of Freedom – Interview mit Richard Gilbert 2007

 

2  Richard Gilbert – Professor der an der Faculty of Letters

    der Universität Kumamoto

 

3   Das Gendai-Haiku - ein Einblick in das zeitgenössische japanische Haiku.

    Essay von Udo Wenzel aus dem Jahre 2007

 

4   aus einem Interview mit dem Pulitzer-Preisträger Gary Snyder. Haiku heute 2007.

 

5   Annika Reich, Lehrbeauftragte an den Universitäten Berlin, Hamburg, Freiburg

 

6   Gary Gay – Poet und Begründer des Rengay, ehemaliger Präsident

    der Haiku Society of America

 

 
 
Erstveröffentlichung: Sommergras Dezember 2010