Rezension: "As far as I can" von Dietmar Tauchner                                                                                                                                                                                                         zurück

 

 

Tauchner, Dietmar: As far as I can.

Red Moon Press, Winchester(USA), 2010, 64 Seiten. ISBN 978-1-893959-93-4  $ 12

 

 

 

 
 

Nach „Nachtnautik. Gedichte“ von Dietmar Tauchner ist nun sein zweites Buch erschienen. Der österreichische Haiku-Dichter hat vor allen Dingen international von sich reden gemacht. Seine Werke sind weltweit in verschiedenen Journalen und im Internet publiziert worden. Seine englischsprachigen Arbeiten wurden bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. So ist es nur folgerichtig, dass er seine Lyrik in dem neuen Buch „As far as I can” auf Englisch vorstellt. Tauchner hat sein Buch in sechs Abschnitte unterteilt:

 

again the hunt (wieder das Jagen)

 

as far as i can (so weit ich kann)

 

lurid light (düsteres Licht)

 

door to the stars (Tür zu den Sternen)

 

the boy I was (der Junge, der ich war)

 

empty fields (leere Felder)

 

Im letzten „Sommergras“ informierte Tauchner den Leser über die Geschichte des japanischen Gegenwarts-Haiku und würdigt die moderne Ästhetik, die neuen Themen und den wachsenden Einfluss des Gendai-Haiku als eine unentbehrliche Entwicklung der Kurzlyrik im noch jungen Jahrtausend. Nach Mario Fitterer, der mit seinen Essays über moderne Haiku-Lyrik referierte, hatte Udo Wenzel 2007 in seinem Gespräch mit dem US-Amerikanischen Wissenschaftler Richard Gilbert über Stand des zeitgenössischen Haiku berichtet und Dietmar Tauchners Verdienst ist es, engagiert diese Tradition der Deutschen Haiku-Gesellschaft fortzusetzen, um die Philosophie des Gendai-Haiku auch in der nichtjapanischsprachigen Haiku-Welt bekannt zu machen und zu fördern.

 

Im ersten Kapitel (again the hunt) seines Buches beschreibt Tauchner das Geheimnis der Liebe, die möglichen Trennungen und das unvermittelte Hoffen auf eine neue Liebe.

 

ravens’s cry

all the partings

still to come

 

 

 

Rabenschrei

all die Abschiede

die noch kommen

 

Im Titel-Kapitel (as far as I can) folgt der Autor den Spuren der Tiere - soweit er das kann. Er setzt seine Wanderung fort, auch wenn die Wegmarkierung fehlt, verstummt ehrfürchtig im Regen über dem Meer und erkennt in den Kirschblüten sein Leben, den unausweichlichen Tod.

 

Und

 

abandoned station

the secret schedule

of insects

 

 

 

verlassener Bahnhof

der geheime Fahrplan

der Insekten

 

Der Gendai-Charakter seiner Haiku wird besonders deutlich im Kapitel „lurid light“: Wie seine literarischen Freunde in Japan sich mit den Folgen der  Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki auseinandersetzen, thematisiert Dietmar Tauchner den Holocaust. Ihm gelingt es, in bewegenden und  bedrückenden Bildern während seines Besuches im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen an die Verbrechen der Nazidiktatur zu erinnern.

 

lurid light

the snow-white tiles

of the gas chamber

 

someone laughs on the way to the quarry

 

 

düsteres Licht

die schnee-weißen Fliesen

der Gaskammer

 

Jemand lacht auf dem Weg zum Steinbruch

 

 

Auch im Abschnitt „door to the stars“ verzichtet Tauchner bewusst auf den traditionellen Jahreszeitenbezug und beschreibt prägnant und bildhaft Augenblicke unseres alltäglichen Seins – Mutters Husten in der Küche genauso wie die Schrecken des 11. September 2001,

 

außederm

 

fading photograph

great-grandpa’ eyes invisible

under the hat’s brim

 

 

deep inside you  no more war

 

 

verblasstes Foto

Urgroßvaters Augen unsichtbar

unter der Hutkrempe

 

 

tief in dir  kein Krieg mehr

 

 

In „the boy I was“ werden Kindheitserinnerungen des Autors lebendig- es ist das Staunen über den Schnee am Ende der Rolltreppe nach draußen oder wie aus Regen plötzlich Schnee wird,

 

und

 

empty playground

I retrieve the boy

I was

 

 

 

leerer Spielplatz

ich finde den Jungen wieder

der ich war

 

 

 

Auch im letzten Kapitel seines Buches „empty fields  haben wir nach dem Lesen seiner Haiku das Vergnügen, das zu entdecken oder das zu assoziieren, was in den Texten nicht ausgesprochen wurde. Tauchners Haiku transzendieren - die eigentliche Beobachtung geht im Nachhall in einen anderen, auch philosophischen Bereich über,

 

zum Beispiel

 

a new year

the footprints

between the graves

 

 

on the plane

the empty fields

of the crosswords

 

ein neues Jahr

Fußspuren

zwischen den Gräbern

 

im Flugzeug

die leeren Felder

des Kreuzworträtsels

 

 

 

Dietmar Tauchner, ein Dichter des zeitgenössischen Haiku, beschreibt eben nicht nur die Wunder der Natur, sondern macht das ganze Spektrum unseres Lebens erfahrbar und teilt mit dem Leser seine Gedankenwelt und Gefühle. Die moderne Vielfalt und Frische seiner Texte laden auch andere Haiku-Autoren ein, sich der Herausforderung für das 21. Jahrhundert zu stellen.

 

Übertragungen ins Deutsche: Dietmar Tauchner

 

 
 

Erstveröffentlichung: Sommergras September 2010